Kultur des Autismus. Ein Aufsatz.

Gibt es eine Kultur des Autismus? Diese Frage warf das AutismusJournal vor einigen Tagen auf (https://autismusjournal.wordpress.com/2020/01/25/gibt-es-eine-kultur-des-autismus/). Auch ich habe einen Aufsatz dazu geschrieben und eingereicht (https://autismusjournal.wordpress.com/2020/02/15/replik-gibt-es-eine-kultur-des-autismus/).
Dies hier habe ich geschrieben. In Parenthese: Ich habe diesen Aufsatz in einer Arbeitspause zwischen zwei Blöcken wissenschaftlichen Arbeitens geschrieben und der Ton hat wohl ein wenig abgefärbt. Ich bitte dich daher um Nachsicht.

Gibt es eine „Kultur des Autismus?“, also eine gemeinsame, soziologische Basis? Ich meine: Nein, nicht im Sinne einer ausgeprägten Kultur. Autisten haben unterschiedliche Wertevorstellungen, unterschiedliche Biographien und Prägungen, welche sich in vielen Bereichen zeigen, beispielsweise der Sprache. Manche Autisten bevorzugen scheinbar unordentliche Stadtwohnungen, für andere wäre das Leben in der Stadt eine Quälerei. Auch der Geschmack in Kunst und Musik ist sicher different. Jedoch gibt es Gemeinsamkeiten unter Autisten. Im Folgenden beschreibe ich die von mir beobachteten Gemeinsamkeiten. Damit gehe ich nur begrenzt auf Diagnosekriterien, als auf eine Inside-View ein.

Diese Gemeinsamkeiten entstehen durch das Bewusstsein, in bestimmten Punkten auf konkrete Art anders zu sein. Konstruktivistisch betrachtet, spielt sicher auch das Faktum mit hinein, dass ein einheitliches Signal der Gesellschaft, welche Autismus als Spektrumstörung in den Bereich der Krankheiten einordnet, auch eine homogene Gegenreaktion provoziert. Ich kenne persönlich nicht einen einzigen Autisten, der vom Autismus als Krankheit berichtet, sondern als Andersartigkeit. Aus Sicht eines Autisten ist er ja normal, er kennt sich nicht anders. Und die überwältigende Mehrheit der Probleme, wenn nicht ihre Gesamtheit, entsteht erst in der Interaktion mit der Umwelt. Als Beispiel sei hierfür die Reizüberflutung („Overload“) genannt.

Daher gibt es recht einheitlich die Ansicht: Wir sind anders. Jedoch entwickeln sich bei jedem Autisten ausgehend von diesem Punkt unterschiedliche Tendenzpfade. Während ich mich für die Welt und meine Mitmenschen im Besonderen fasziniere (ähnlich wie Touristen in einem fremden Land), so gibt es auch viele Autisten, die lieber auf Distanz zu der Welt als Gegenstand gehen, der für sie gänzlich unberechenbar ist und wir wissen, dass wir andere Menschen niemals so verstehen oder nachvollziehen können, wie Nichtautisten.

Die meisten Autisten, die ich kenne, identifizieren sich mit dem Autismus. Es ist eine von Geburt an vorhandene, höchstwahrscheinlich genetische Andersartigkeit, um die herum sich eine Persönlichkeit aufbaut. Dies lässt eine Identifikation mit der Basis des eigenen Selbst zu und bedingt Unverständnis, wenn diese Normalität von anderen als „krankhaft“ bezeichnet wird. Ich zitiere eine andere Autistin: „Ich habe ja keinen Autismus. Ich bin Autismus.“ Diese enge Verbundenheit finde ich bei den allermeisten Autisten.
Sie bedingt, zusammen mit den unausweichlichen „clashes“, wo die autistische Natur auf die nichtautistische (von manchen als allistische) Umwelt trifft, ein großes Durchhaltevermögen, welches von außen zuweilen als Verbissenheit oder sogar Sturheit wahrgenommen wird. Ich selbst kenne keinen Autisten, der von seinem Autismus weiß, und dennoch anstrebt, den Autismus zu Gunsten der „durchschnittlichen Normalität“ oder für andere Menschen zu überwinden.

Eine weitere von mir beobachtete Gemeinsamkeit, ist die Kompensation. Autismus wird als Entwicklungsstörung klassifiziert, da die Gefühle auf dem Niveau eines Kindes entwickelt bleiben. Die dadurch unterentwickelten Fähigkeiten, werden oftmals schon allein durch eine (begrenzte) Notwendigkeit der Adaption vom Verstand ausgeglichen. Zumindest soweit möglich. Da Autisten beispielsweise oft die Fähigkeit fehlt, Worte und Paraphrasen nach dem Gefühl auf ihre Metaebenen zu untersuchen (Beispiel: Ist Flucht negativ, positiv oder neutral zu werten? Warum?), drücken sie sich in der Regel sehr direkt, wörtlich und präzise aus. In der „autistic community“, wenn ich sie als solche bezeichnen darf, wird diese Form der Kommunikation sehr geschätzt, da sie einfach, unmissverständlich und effektiv ist, während man damit andere jedoch oft „überfährt“ oder „mit der Tür ins Haus fällt“ (gemäß erhaltener Rückmeldungen).

Spezielle Dialekte, Filmvorlieben oder Religionen kann ich nicht als Gemeinsamkeiten erkennen und führe sie auf die entwickelten Persönlichkeiten, soziale Prägung und Interaktionserfahrungen mit dem Umfeld zurück. Was Autisten generell nervt ist eigentlich das, was ich hier tue: Generalisierung. Darum auch meine Betonung, dass ich hier nicht von allen Autisten und nur aus meiner Sicht berichte, da es eine gefährliche Uniformitätsvorstellung befeuert, die Vorurteilen freie Bahnen schaffen. Und genau diese nerven, da es im besten Falle nur Ausdrücke von fehlerhaften Informationen und Vorstellungen, im schlimmsten Falle Überheblichkeit über dem „behinderten“ Autisten ist oder Arroganz der sich selbst als „normal“ zum „krankhaften“ Autismus abgrenzenden Gesellschaft(steile). Begrüßt wird der offene, informative Diskurs.

Bereits angesprochen habe ich das Bewusstsein um die unausweichlichen „Clashes“ und das daraus resultierende Durchhaltevermögen. Ergänzen möchte ich eine Art von „optimistischem Fatalismus“: Diese Clashes sind unausweichlich, doch die eigene Andersartigkeit gehört zu einem, also gehören diese Clashes zum eigenen Leben dazu. Sie werden i. d. R. nicht per se angestrebt, sondern sind schlicht eine logische Konsequenz und zu einem gewissen Maße sogar Ausdruck von Selbstachtung (ungefähr ähnlich dem jeden Menschen bekannten Streit).

Zusammenfassend gibt es aus meiner Sicht keine ausgeprägte autistische Kultur, jedoch ein von den meisten Autisten geteiltes Mindset und dadurch immer wieder bemerkbare Gleichheiten in Ausdrücken des Bewusstseins, der Identifikation, der Einstellung zu Autismus und Umwelt.

Zum Schluss möchte ich darauf hinweisen, dass ich diesen Text spontan verfasst habe und er somit nicht als geplante oder gar empirisch überprüfte Arbeit zu werten ist. Eine empirische Studie dazu anzuregen wäre jedoch eine faszinierende Idee.